- Es existiert keine einzige in allen Teilen unbestritten originale Gambe mit einer originalen Decke aus dem 16. Jahrhundert, die ‘1:1’ als Grundlage für eine getreue Kopie dienen könnte.
- Die Wissenschaft geht davon aus, dass der Stimmstock erst in der zweiten Hälfte des 16. Jhdts. aufgekommen ist. Die Anwendung des vertikalen Bassbalkens (parallel zur Holzmaserung) ist eng mit der Anwendung des Stimmstocks verbunden.
- Um 1500 genossen Lauten in der aristokratischen Gesellschaft hohes Ansehen und wurden sehr geschätzt. Sie waren Statussymbole und ihre traditionelle statische Konstruktion war mit Querbalken (quer zur Holzmaserung) an der Unterseite der Decke.
- An historischen Abbildungen sind bei Streichinstrumenten der Fideln eindeutig flache Decken wie bei den Lauten zu erkennen. Für eine flache Decke werden Querbalken als statische Konstruktion benötigt.
Die Summe dieser Fakten war meine Grundlage der Entwicklung einer Renaissancegambe (um 1500) mit Balken quer zur Holzmaserung ohne Stimmstock.
Die Besaitung war natürlich vollkommen in Darm! Nach einigem Suchen haben sich die Saiten von Luke Challinor bewährt.
Im Gegensatz zu den barocken Gamben, die aufgrund ihrer Stimmstockkonstruktion einen voluminösen, mehr basslastigen Klang haben, harmoniert diese Gambe der frühen Renaissance aufgrund ihrer Bauart perfekt mit Renaissance-Lauten oder anderen Musikinstrumenten ihrer Zeit.
Durch die statische Konstruktion mit Querbalken nimmt jedoch die akustische Leistung zu den tiefen Frequenzen hin ab. Der tiefe Bassbereich spielte in der Musik für die Viola da Gamba um 1500 noch keine große Rolle. Die musikalische Erweiterung in den Bassbereich bei gleicher Instrumentengröße gewann erst später an Bedeutung. (Bei den Lauten begann die Erweiterung des Bassregisters um die Mitte der zweiten Hälfte des 16. Jhdts. Etwas früher etablierte sich die Konstruktion mit dem Stimmstock bei Streichinstrumenten).
Ich sehe bei Streichinstrumenten mit Querbalken keine konstruktive Lösung für den damals angestrebten Weg zu einem funktionierenden größeren Bassregister bzw. einem voluminöseren Klang. Aus diesem Grund musste eine neue Konstruktion entwickelt werden. Der genaue, schrittweise Entwicklungsprozess, der je nach Region und Zeit variierte, weg von der flachen Decke mit Querbalken ist uns nicht bekannt.
Er führte schließlich zu der statisch vorteilhaften Konstruktion mit gewölbter Decke und gewölbtem Boden (wodurch eine geringere Materialstärke möglich war), gestochen aus einem dickem Holzstück, mit einem längs zur Maserung verlaufenden Bassbalken (für einen resonanteren Bass) und einem beweglichen Stimmstock im Diskantbereich unterhalb des Stegs, der für die Stabilität notwendig war. Zusätzlich ermöglichte er eine Koppelung von Decke und Boden. Der große Vorteil dieser Konstruktion mit beweglichen Stimmstock liegt in der Möglichkeit der nachträglichen Klangkorrektur. Die Konstruktion der Streichinstrumente der Familie der Violinen wie wir sie heute kennen war geboren.
Als Vorlage diente die historische Abbildung:
Die Krönung der Jungfrau, Ferrara, Italien, Fresko c.1510-15, Teilausschnitt vom Engelskonzert Klosterkirche: Chiesa Santa Maria della Consolazione
Vermutlich von Michele Coltellini oder Baldassara Cassari
